Singen im Chor - Stimmbildung
aus einer Veröffentlichung von Wolfgang Layer

Der Musikverein Darmstadt bietet für seine Chormitglieder chorische und individuelle Stimmbildung an zur Verbesserung der Qualität seiner Konzerte. Sie wird durchgeführt von Fachleuten aus dem Staatstheater Darmstadt.  Der Artikel von Wolfgang Layer erläutert die Bedeutung und den Hintergrund der Stimmbildung für das Singen im Chor.
 

Chorklang hat mit Offenheit zu tun, mit der Gestaltung der einzelnen Vokale, Mischvokale und Doppellaute (Diphtonge), der Beherrschung des Vokalausgleichs und der Fähigkeit, die Konsonanten dabei als Hilfsmittel einzusetzen. Dasselbe ist nötig, um auch Intonationsprobleme zu lösen.
Manchmal genügt eine minimale Veränderung des Gesichtsausdrucks, die Andeutung eines Lächelns, um Intonationsschwierigkeiten in den Griff zu bekommen. „Sauberes Singen“ hängt immer auch mit „richtigem Singen“ zusammen.

Warum klingen Chöre unterschiedlich?
Das hat zunächst einmal etwas mit dem Alter zu tun. Junge Stimmen sind durchweg schlanker, aber auch „substanzloser“, ältere Stimmen sind farbenreicher, sind schwerer. Am deutlichsten war für mich in den frühen 70er Jahren der Unterschied zwischen den beiden Chören zu spüren, in denen ich während meines Musikstudiums gesungen habe: dem Chor des Bayerischen Rundfunks und der Gächinger Kantorei. Der BR-Chor lag vom Altersdurchschnitt gut 15 Jahre über dem Rilling-Chor, ähnlich Karl Richters Bachchor. Das wirkte sich selbstverständlich auch auf den Chorklang aus.
Neben dem Alter spielt die nationale, ja sogar regionale Zusammensetzung eines Chores eine wichtige Rolle. Es gibt Stimmen, die besitzen viel Dynamik und Farbe (den Bayern sagt man´s nach, den Rheinländern und Berlinern, um mal in Deutschland zu bleiben), andere Stimmen klingen im ersten Moment etwas flacher, emotionsloser, direkter (Friesland), wieder andere metallisch (Sachsen). Das wiederum hat seine Ursachen in der Sprache, im Dialekt. Man kann es nicht verallgemeinern! Dennoch liegt es nicht nur am Liedgut, wenn ein Shantychor von der Waterkant anders klingt als der schwäbische Liederkranz.
Verlassen wir die Grenzen Deutschlands, vor allem Richtung Osten und Süden, werden diese sprach- und kulturkreisbedingten Klangunterschiede noch offensichtlicher. Genau das ist es, was unser Instrument so spannend, so aufregend macht. Eine Klarinette von Yamaha klingt in Japan nicht anders als in Europa und in den USA. Aber ein Afroamerikaner aus den Südstaaten wird Jerome Kerns „Ol’ man river“ authentischer singen als jeder noch so perfekte Konzert- und Bühnenbass zwischen Madrid, Paris, London, Berlin und Tokio.

Was ist Klangfarbe
Farbe hat rein physikalisch mit dem Freqenzspektrum der Stimme zu tun. 1:1 geklonte Menschen würden 1:1 die gleiche Stimme besitzen. Weil es diese Menschen aber (zum Glück) nicht gibt, ist ihr Körperbau unterschiedlich und damit der davon beeinflusste Klang. Klanggestalter sind Brustraum, Kehlkopf, Nasen- und Rachenraum, Kiefer, Stirn usw. Alles, was vom Luftstrom in Schwingungen versetzt wird, formt mit am Klang.

Was tun wir dabei?
Wir sind die Klangdesigner. Wir sitzen am Mischpult und ziehen mal diesen, mal jenen Regler hoch. Wenn wir zuviel Brustresonanz in unsere hohen Töne mischen, werden diese schrill und fangen an „rückzukoppeln“. Wenn unser Equalizer zu wenig nasale Freqenzen in der Mittellage zur Verfügung stellt, wird diese flach und uninteressant. Und wenn wir zu früh die Grundfrequenzen aus den hohen Tönen eliminieren, rutscht uns das Kopfregister runter in die Mittellage unserer Stimme und mit ihm die „Seele“ unserer Töne.

Was ist Chorklang
Mit „Chorklang“ bezeichnet man das einheitliche klangliche Erscheinungsbild eines Chores, seine sog. Homogenität.
Stimmen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Dialekts, unterschiedlicher Emotionalität bewirken in einem Chor ein räumlich unterschiedliches Klangbild. D.h. dass sich der Klang je nach Standort verändert. In der einen Stimmgruppe überwiegen die etwas diskantreicheren (schärferen) Stimmen bei Frauen über 60 Jahren, in einer anderen Stimmgruppe bestimmen Mundfaulheit und breiter Dialekt den Klang (oftmals bei tiefen Männerstimmen), während sich im Tenor sehr oft die Kraftanstrengung bei hohen Tönen mit sog. Knödelstimme Gehör verschafft. All das kann nur zusammengehen, wenn es sich nach gemeinsamen Vorgaben richtet.

Alles kein Problem!
Dafür ist die chorische Stimmbildung da. Sie versucht - um es mathematisch auszudrücken -  aus dem größten gemeinsamen Vielfachen den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden sowie alle Stimmen auf diesen gemeinsamen Nenner zu „eichen“. Jeder Chor besitzt einen eigenen, unverwechselbaren Klang. Jeder Chor kann - unabhängig von Alter, Dialekt und Leistungsstand - diesen originären Chorklang finden und an ihm arbeiten.

Was ist chorische Stimmbildung?
Stimmbildung ist das Erlernen des Instruments. Sie hat also nichts mit Einsingen zu tun. Einsingen ist „Muskeltraining vor dem Spiel“. Stimmbildung ist Instrumentalunterricht, einzeln oder in der Gruppe.
Stellen Sie sich vor, Ihr Dirigent drückt jedem in ihrem Chor eine Klarinette in die Hand. Das Rohrblatt ist befestigt, das Instrument ist spielbereit. Und nun? Ihr Dirigent erklärt, was er einstudieren will, danach geht´s los.
Der Spaß ist mit Sicherheit nicht minder groß als der Lärm. Sie haben zwar ein Instrument, aber niemand hat sie bisher spielen gelehrt.
So ist es auch mit Ihrer Stimme. Sie haben seit Jahren, Jahrzehnten ein voll funktionsfähiges Instrument, aber können Sie wirklich darauf spielen?
Chorische Stimmbildung ist nichts, womit Ihr(e) Chorleiter(in) Sie ärgern oder langweilen will. Stimmbildung ist der Teebeutel für die Stimme, damit allen das Wasser gleich gut schmeckt, egal ob mit oder ohne Zucker, mit oder ohne Zitrone.

Grundeinstellung
Ich möchte sie mit dem Leerlauf beim Auto vergleichen. Wenn im Leerlauf alles rund läuft, kann man die Gänge einlegen. Deswegen konzentrieren wir uns auf den „Leerlauf“.
Weil die meisten SängerInnen in der wöchentlichen Chorprobe sitzen, ist es vernünftig, sich in den folgenden Übungen auf diese Situation einzustellen. Beim Einatmen kann Sitzen sogar eine Hilfe sein, wenn man sich noch nicht so ganz sicher ist, ob man richtig oder falsch atmet.
Ein Sänger sitzt rund 70 Stunden im Jahr in der Chorprobe, 10 Stunden steht er, verteilt auf 40 Proben, beim Einsingen, zwei Stunden bei der Generalprobe und zwei Stunden beim Konzert. Deswegen probieren wir´s mal im Sitzen.

Die Atmung
Noch etwas kommt beim Stehen hinzu. Der Körper befindet sich zwar in der idealen Position für unverspannte Haltung, für Zwerchfell-Flankenatmung und gymnastische Lockerungsübungen, aber die kurzfristige Konzentration auf Dinge, die man (leider) nur einmal in der Woche exerziert, führt bisweilen zu einer inneren Verspannung, die nicht bemerkt wird, frei nach dem Motto: „Ich bin locker, Mensch, bin ich locker, verdammt, bin ich locker.“ Wir Männer wissen, wovon wir reden. Wenn dann noch der Bauch eingezogen oder von einem allzu straff gezogenen Gürtel eingeengt wird, kann echte Lockerheit nicht aufkommen. Schon beim ersten Einatmen heben sich die Schultern mit, die Brust füllt sich mit Luft, der Bauch wird noch ein Stück mehr eingezogen, anstatt - dem Zwerchfell folgend - sich all jenen zu präsentieren, die ihn nicht sehen sollen.

Einatmen durch die Nase
Das geht nicht immer, und schon gar nicht beim Singen. Aber beim Einsingen, da sollte es fast immer möglich sein. Da singt man keine längeren Passagen, sondern ein- bis mehrtaktige Übungen. Da freuen sich die Lungenbläschen, wenn die Luft angewärmt, angefeuchtet  und gesäubert über Rachen, Kehlkopf, Luftröhre und Bronchien strömt, und nach dem Gasaustausch (O2 wird aufgenommen, CO2 wird abgegeben) auf dem Rückweg - je nach Tonhöhe - mit 100 bis 1000 Schwingungen pro Sekunde die Stimmlippen öffnet und schließt. Der „Hals“ wird nicht trocken, wenn die Luft ständig direkt über den Rachenraum aufgenommen wird, das lästige Schlucken fällt weg, mit einem Wort: alles bingo? Fast alles!

Auf die richtige Dosis Luft kommt es an
Natürlich hat auch Atmung mit Chorklang zu tun. Warum? Das will ich Ihnen erklären.
Es gibt nichts Wertvolleres beim Singen als die Luft. Das merkt man spätestens dann, wenn sie einem fehlt, wenn die Phrase, die man singen soll, noch 7 Töne weitergeht. Je größer die Zahl der Takte, je höher die Töne, die man singen soll, desto tiefer atmen viele Sängerinnen und Sänger ein. Es kommt zum kurzfristigen Luftstau, bevor der „Stimmkanal“ wieder freigegeben wird für den Ton. Doch da ist sie auch schon weg, die Hälfte der Luft, weg wie beim prall gefüllten Luftballon.
Es ist gar nicht so leicht, diese Marotte loszuwerden, wenn man sein Leben lang eingeatmet hat bis zum Limit, die Lungen vollgepumpt, die Luft kurz angehalten und dann losgesungen. Es ist wie mit dem Rauchen. Immer wieder muss man sich sagen: Brauche ich das, muss ich das haben? Warum 60 Liter tanken, wenn 30 auch reichen. Warum Turbo, wenn ich mit dem Spargang genau so schnell und genauso weit komme?
Zurück zum Chorklang: Ein in den Luftstrom eingebetteter Ton klingt weich, elastisch, modellierbar. Er mischt sich mühelos mit jeder anderen Stimme. Ganz anders der Tonansatz, erzeugt durch zu viel Luft. Entweder er kommt hart mit mehr oder weniger starkem Akzent (harter Glottisschlag) oder er schiebt überflüssige Luft vor sich her und verzögert damit den Einsatz. Da genügt ein einzelner Sänger, um den Chorklang zu beeinträchtigen. Das ökonomische und damit richtige Atmen entspricht dem Wechselspiel zwischen Gas und Kupplung im Auto. Natürlich komme ich mit 200 PS schneller bis zum nächsten Stau als mit 50 PS. Aber zeugt es nicht von Kurzsichtigkeit, mit Vollgas aufzufahren und zu bremsen, anstatt mit angepasster Geschwindigkeit?
Einatmen erfolgt aktiv, Ausatmen passiv. Beim Einatmen wird die Lunge gedehnt und die Atemmuskulatur angespannt, beim Ausatmen verkleinert sich der Brustraum wieder und die Muskulatur entspannt sich.
Beim richtigen Singen sieht es fast nach dem Gegenteil aus: kein kraftvolles Nachpumpen, sondern lockere Bereitstellung für das Nachströmen der Luft. Dafür sollten wir beim Ausatmen den Luftstrom kontrollieren und gezielt ausrichten.

Auf der Suche nach den Resonanzräumen und dem Klang der Stimme
Nur wenige Chorsänger kennen ihre eigene Stimme. Dies hängt nicht nur damit zusammen, dass Chorsingen etwas anderes ist als Sologesang. Es hat auch damit zu tun, dass Chorsänger meistens „mitsingen“ anstatt aktiv zu gestalten. Mitsingen ist für mich Omnibusausflug, Lagerfeuer, Sonntagsgottesdienst. Ganz anders sollte unsere Tätigkeit im Chor sein: aktives, eigenverantwortliches künstlerisches Gestalten. Dafür ist es nötig, unsere Stimme kennenzulernen, ihren Klang, ihre Vorzüge und ihre Defizite. Letztere liegen meist in der mangelnden Ausnutzung der Klangräume, also der Resonanzen, die jedem Menschen zur Verfügung stehen. Es ist gar nicht so leicht, diese zu finden.
 

Bild: Andreas Wagner, Tenor
Andreas Wagner

Andreas Wagner bietet individuelle Stimmbildung für die Sängerinnen und Sänger des Musikvereins Darmstadt an.

 

Andreas Wagner studierte von 1981 bis 1989 an der Musikhochschule seiner Heimatstadt Stuttgart und schloss seine Gesangsausbildung mit dem Diplom bei Prof. Luisa Bosabalian und Prof. Sándor Kónya ab, die kirchenmusikalische A-Prüfung bei Prof. Bernhard Ader und Prof. Dieter Kurz.

Ein erstes Engagement führte ihn als lyrischen Tenor an das Stadttheater Würzburg. Von 1991 bis 1998 gehörte Wagner den Wuppertaler Bühnen an, bevor er 1997 an das Staatstheater Darmstadt wechselte. Gastspiele führten ihn außerdem nach Heidelberg, Düsseldorf, Münster, Hannover, Weimar und München, den Mai-Festspielen Wiesbaden, den Europäischen Wochen Passau, zu dem Musikfestival Athen und dem Opernfestival Ibiza. Im November 2006 sang er den „Golo" in Robert Schumanns Genoveva in der Eröffnungsproduktion der Saison am Teatro Massimo in Palermo.

Im Rahmen seiner internationalen Konzerttätigkeit arbeitet Wagner mit Dirigenten wie Peter Schreier, Hanns-Martin Schneidt, Helmuth Rilling, Michel Corboz, Wolfgang Gönnenwein, Enoch zu Guttenberg und Marc Albrecht zusammen. Unter Franz Lamprechts Leitung führte er u.a. das Berlioz-Requiem in der Historischen Stadthalle Wuppertal, der Düsseldorfer Tonhalle und im Mariendom Neviges auf.
Andreas Wagner gibt  regelmäßig Orgelkonzerte - zuletzt bei den Frankfurter Orgeltagen - und ist fester Cembalist bei den „Darmstädter Barocksolisten“.